Mediation - Erweiterte Information

Was ist Mediation und was zeichnet sie aus? Ich habe Mediation an der Hochschule Wismar gelernt, und einer meiner Dozenten, Prof. Dr. iur. Karl Wolfhart Nitsch von der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften hat mir freundlicherweise, erlaubt hier den Text einzublenden, den er seinen Konfliktparteien vor der Mediation gerne als Informationsmaterial mit gibt:

 

"Wirtschaftsmediation - Durch Konsens zum Erfolg

Ausgangspunkte:

Wirtschaftsmediation ist ein Prozess, bei dem die betroffenen Personen/Gruppen mit unterschiedlichen Standpunkten und dahinter stehenden Interessen unter Hinzuziehung eines neutralen Dritten – des Wirtschaftsmediators – gemeinsam eine Lösung finden wollen.

Entscheidend sind die Neutralität des Mediators und die inhaltlich unbeeinflusste Lösungskompetenz der in den Mediationsprozess eingebundenen Personen. Der Wirtschaftsmediator bringt sich nicht inhaltlich ein; er stellt vielmehr Prozessregeln auf, steht zwischen den am Lösungsprozess beteiligten Parteien, löst eventuelle Sprachverwirrungen und Verständigungsschwierigkeiten auf und führt die unterschiedlichen Sichtweisen zu einer Einheit. Er leitet die Beteiligten an, das komplexe System als Ganzes zu betrachten. Seine persönliche Meinung wird er dabei möglichst spurlos in sich vergraben.

Die Forderung nach Neutralität mag in krassem Widerspruch zu der unabdingbaren Forderung nach umfassender Fach- und Lösungskompetenz des Mediators stehen. Der Mediator hat jedoch den Überblick über das System, in dem die am Prozess Beteiligten um eine Lösung ringen, um sie methodisch anleiten zu können. Sein Wissen und sein Erkennen einer möglicherweise gangbaren Lösung darf den Mediator indessen nicht dazu verführen, sich inhaltlich einzubringen und die Beteiligten manipulativ in die Richtung einer von ihm erkannten Lösung zu führen.

Im Mediationsprozess lernen die daran beteiligten Personen eine gemeinsame Sprache, die es ihnen nachhaltig leichter macht, effektiv miteinander zu arbeiten. Es werden gruppendynamische Prozesse in Gang gesetzt, die ein Gruppengefühl entstehen lassen und das Bewusstsein für die Bedürfnisse der anderen Beteiligten schärfen.

Das Ringen in der Gemeinschaft um Ergebnisse, die für alle akzeptabel sind, erweitert den Horizont des Einzelnen über seinen eigenen Bereich hinaus. Er lernt dabei, seine Bedeutung für den reibungslosen Ablauf des Gesamtsystems richtig einzuschätzen.

Jeder Einzelne hat aktiv Anteil am Ergebnis und identifiziert sich dadurch sowohl stärker mit der ihm zufallenden Aufgabe als auch mit dem späteren Ergebnis des Mediationsprozesses und der unter Anleitung des Mediators gemeinsam und selbständig gefundenen Lösung.

Die nachstehend aufgeführten Grundsätze sind zu beachten:

  1. Freiwilligkeit: Die Teilnehmer nehmen aus freien Stücken am Mediationsprozess teil. Jedem Beteiligten ist klar, dass er zu jedem Zeitpunkt den Mediationsprozess beenden kann, falls er es für richtig hält.
  2. Allparteilichkeit: Der Mediator wird nicht Partei für eine der beteiligten Gruppen ergreifen. Es darf keine unterschiedliche Betrachtung und Wertung der dargelegten Interessen erfolgen. Der Mediator wird vielmehr eine aktive und lösungsorientierte Führung des Mediationsprozesses vornehmen. Aufgabe des Wirtschaftsmediatiors ist es, den Interessen aller Parteien die gleiche Beachtung zu schenken und ihnen eine angemessene Behandlung in der Arbeit an einer gemeinsamen Lösung zukommen zu lassen. Dies beinhaltet auch den Ausgleich von wirtschaftlichem Machtungleichgewicht zwischen den Beteiligten.
  3. Neutralität: Damit eng verwandt, dennoch nicht das Gleiche, ist die Forderung an den Wirtschaftsmediator, sich jeder inhaltlichen Einmischung in den Prozess zu enthalten.
  4. Vertraulichkeit: Die strikte Einforderung der Verschwiegenheit aller Beteiligten gegenüber allen außenstehenden Personen – ohne Ausnahme – bildet den Rahmen für eine erfolgreiche Arbeit.
  5. Offenheit, Transparenz und Chancengleichheit: Diese drei Qualitätskriterien für die Arbeit im Mediationsprozess greifen ineinander, bezeichnen aber durchaus unterschiedliche Aspekte: Offenheit in der Kommunikation jedes Einzelnen; Transparenz von Abläufen und Entscheidungen in der gemeinsamen Arbeit, damit jeder sie versteht und beeinflussen kann; Chancengleichheit für jeden Beteiligten, indem Unterschiede in Temperament, Persönlichkeit, Intelligenz und Bildung so weit wie möglich ausgeglichen werden und der Wirtschaftsmediator darüber wacht, dass jedem die Möglichkeit geboten wird, seine Interessen zu verfolgen und seine Lösungskompetenz einzubringen.
  6. Eigenverantwortlichkeit: Der Kreis der Beteiligten muss sich aus Menschen zusammensetzen, die kognitiv in der Lage und bereit sind, Eigenverantwortung wahrzunehmen.
  7. Festlegung eines Zeitrahmens: Zu Beginn wird ein klarer Zeitrahmen definiert, um für die Beteiligten deren Intensität an der Konfliktbehandlung und die Meilensteine im Wirtschaftsmediationsprozess festlegen zu können.
  8. Ethik: Der Wirtschaftsmediationsprozess wird nach ethischen Grundsätzen geführt. Dazu gehört der Respekt des Wirtschaftsmediatiors vor der Andersartigkeit anderer Menschen, die er zu verstehen versucht und anerkennen wird. Das bedeutet nicht, dass der Mediator deren Meinungen und Werte teilt. Der Wirtschaftsmediator behandelt alle Beteiligten trotz ihrer Verschiedenheit in Persönlichkeit und Charakter mit größtmöglicher Achtung und Respekt.

Zusammenfassung:

Der Wirtschaftsmediator übt seine Tätigkeit in einer Balance zwischen Neutralität und Anteilnahme aus. Neutralität bedeutet Zurücknehmen, Distanz, Beobachtung aus der Entfernung und unbeteiligtes Beurteilen. Der Wirtschaftsmediatior bewahrt den Überblick, räumt jedem Betroffenen die gleiche Chance ein und sorgt dafür, dass er sich entsprechend einbringt. Er enthält sich einer eigenen Meinung und eines eigenen Lösungsansatzes und unterlässt jegliche inhaltliche Intervention, um von allen Beteiligten wegen seiner Neutralität anerkannt und akzeptiert zu werden. Er nimmt jedoch gleichwohl regen Anteil an den Problemen der Beteiligten. Ihm ist an einer eigenen interessengerechten Lösung durch die Beteiligten des Mediationsprozesses gelegen.

Es geht um Lösungen von Menschen für Menschen in all ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit. Der Wirtschaftsmediatior arbeitet mit Individuen, die in einem System eingebettet sind, dessen Vernetzung und innere Gesetzlichkeiten wesentlich mitspielen und die Lösungsmöglichkeiten entscheidend bestimmen. Wirtschaftsmediation ist die Begleitung von Spannungsfeldern durch einen Dritten, der als Außenstehender eine Situation objektiver beurteilen kann, die Lösung jedoch nicht vorgibt, sondern die Suche nach einer Lösung durch die Beteiligten als Moderator begleitet, ohne jedoch selbst Ansichten oder Werturteile einzubringen.

Wirtschaftsmediation ist damit eine ehrliche Gewinner-Gewinner-Strategie, in der durch einen unparteiischen Wirtschaftsmediatior gewährleistet ist, dass jeder am Mediationsprozess Beteiligte seine Sichtweise einbringen kann und diese gleichwertig behandelt wird. Die Beteiligten lernen, ihre Umgebung, ihre Interessen, ihre Wünsche und Möglichkeiten bewusster wahrzunehmen und entwickeln selbstständig neue Formen der Kommunikation untereinander. Wirtschaftsmediation bringt nachhaltige Lösungen, weil sie von den Beteiligten selbst erarbeitet und damit auch getragen werden. Oft werden im Zuge der Arbeit neue Verhaltensmuster erkannt und gelernt, die Autonomie und das Selbstbewusstsein der Betroffenen gestärkt, weil die Kompetenz positiv erlebt wird, selbst eine eigene Lösung gefunden zu haben. In einer Zeit, in der häufig nach Lösungen von anderen und durch andere gesucht wird, ist dies eine Mut machende Erfahrung."